Das Fest

Schauspiel von Thomas Vinterberg nach dem gleichnamigen Film

Veranstaltungsdetails

  • 19. Februar 2018

    19:30 Uhr

  • Theater Wolfsburg

    Klieverhagen 50

  • Schauspiel & Comedy

Die erzählte Zeit des ersten Spielfilms der dänischen Gruppe Dogma 95 beträgt keine 24 Stunden: Es sind die wenigen Stunden im Leben einer Familie, die alles ändern können. Das anfänglich noch ausgelassene 60. Geburtstagsfest des Familienoberhaupts Helge wird innerhalb kürzester Zeit zur Stunde der Wahrheit. Die drei Kinder beschließen den jahrelangen sexuellen Missbrauch des Vaters und den damit verbundenen Selbstmord der Schwester öffentlich zu machen. Doch wie verlogen die Festgesellschaft und uneinsichtig der Vater wirklich ist, wird ebenso deutlich, als der afrikanische Freund der Schwester mit einer Welle von rassistischen Anspielungen empfangen wird – in der Hoffnung, er möge so schnell wie möglich wieder verschwinden und den trauten Frieden nicht stören …

Thomas Vinterberg hat mit „Das Fest“ ein Familien-Drama kreiert, das eine existenzielle und bewegende Geschichte erzählt, über Wahrheit und Lüge, über Schein und Sein – und umso mehr über die perfiden Mechanismen unserer Gesellschaft.

Mit: Kathrin Berg, Hubertus Brandt, Markus Hottgenroth, Marie Luisa Kerkhoff, Henry Klinder, Kerstin Klinder, Jürgen Roth, Lukas Schrenk, Nicola Schubert, Jorida Sorra, Holger Teßmann, Adrian Thomser, Gustav Peter Wöhler

Inszenierung: Martin Pfaff

Thomas Vinterbergs „Das Fest”:
Einblicke in die Familie als Hölle


Schockierend, ekelerregend, widerlich! Was momentan tagtäglich an Jahre und Jahrzehnte lang unterdrückten Geständnissen, verschwiegenen Gewalttaten in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft von der Politik bis zur (Film-)Industrie an die Öffentlichkeit dringt, ist atemberaubend. „Jede Familie hat ein Geheimnis”, der verheißungsvoll drohende Untertitel, den die Autoren Thomas Vinterberg und Mogens Rukov 1997 ihrem Werk „Das Fest” gaben, wird so auf schockierende Art beweiskräftig, in der selbsternannten ‚Film-Familie’ Hollywood, aber auch in anderen quasifamiliären Strukturen, wo Missbrauch, Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe Usus waren und gedeckt wurden. Der Furor der Aufklärung destruiert jetzt altgediente Netzwerke und Beziehungsgeflechte. Wie schwer es bereits hier fällt, als Opfer von Missbrauch innerhalb einer Berufs-‚Familie’ sein Erlebtes und Erlittenes öffentlich zu machen, das Inkriminierte oft länger als eine Dekade zurückliegt, deutet die enorme Scham und psychischen Verheerungen an, die mit solchen Taten einhergehen. Wie erst, wenn es um solche Verbrechen in der eigenen Verwandtschaft geht! Wenn Aufdeckung, Bekenntnis, Anklage heißt, den eigenen Vater, die eigene Mutter zur Rechenschaft zu ziehen. MeToo: wem fiele das unter solchen Umständen leicht? „Das Fest”, Vinterbergs und Rukovs Gründungsfilm des dänischen Dogma-Handkamera-Kinos, macht aber genau dieses immense Tabu zum Thema: sexuelle Gewalt in der eigenen Familie. Die Autoren erfassten dies in Drehbuch und ästhetischer Umsetzung mit einer bis dato unbekannten schroffen Direktheit und frappierten 1998 das Uraufführungspublikum der Filmfestspiele in Cannes. Die kritische Härte des Werks ist wirksam wie zur Zeit seiner Entstehung, auch in der bereits zahlreich erfolgten Umsetzung auf Theaterbühnen weltweit, das Thema ist immer noch so brisant wie vor 20 Jahren: Der exemplarische Fall des sexuellen Missbrauch eines Vaters an seinen Kindern, innerfamiliär unter den Teppich gekehrt wie in vielen Haushalten... Die Kunst deutet unerbittlich auf ein soziales Problem von großer Brisanz, denn entsprechende wissenschaftliche Erhebungen zeitigen erschreckende Resultate: 15 bis 30 Prozent aller Mädchen und 5 bis 15 Prozent der Jungen werden in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch. Dass die Bundesregierung 2016 eine Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs einberief, die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche untersuchen soll, deutet die Tragweite dessen an. In Deutschland weist die Kriminalstatistik eine hohe Zahl an Missbrauchsfällen aus, ein Umstand, den der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes Wilhelm Rörig scharf kommentiert: „Sexuelle Gewalt gehört bei uns zum Grundrisiko einer Kindheit. Tausenden Mädchen und Jungen wird in Deutschland durch sexuelle Gewalt größtes Leid zugefügt – Tag und Nacht, mit schweren und schwersten Folgen, unter denen sie oft ein Leben lang leiden. Ich frage mich schon, in was für einer Gesellschaft wir leben, die ohne großen Aufschrei Jahr für Jahr hinnimmt, dass mehr als 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durchgeführt werden. Und wir wissen, das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches größer. Neueste Studien sprechen davon, dass rund jeder Siebte in Deutschland von sexueller Gewalt in der Kindheit betroffen ist. Aktuell müssen wir davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse mindestens ein bis zwei Kinder sind, die Missbrauch erleiden oder erlitten haben. Das ist die beängstigende und zugleich traurige Realität.” Eine Realität, die alle Gesellschaftsschichten umfasst, die gesamte Bevölkerung. Angesichts dieser Zahlen lässt sich nur erahnen, inwieweit auch der persönliche Freundes- und weitere Familienkreis betroffen sein könnte, wieviele Missbrauchsopfer ich selbst persönlich kenne, wieviele Menschen im Publikum des Detmolder Landestheaters selbst Missbrauchsopfer waren, ohne dass ich von deren Geschichte weiß, ohne dass deren Fälle jemals an die Öffentlichkeit oder vor Gericht gelandet wären. Denn Verbrechen innerhalb von Familien, von Eltern an Kindern in ihrer so üblen Verquickung von Autorität, Vertrauen und Macht mit Sexualität unterliegen einem besonders starken Bann aus Scham, Verschwiegenheit und Skrupeln. Denn was sind die Folgen, wenn das Opfer sich endlich von diesem Bann befreit und das Verbrechen benennt? Vom Abstreiten des Geschehenen und dem Vorwurf der ‚Nest’-Beschmutzung durch die Täter abgesehen, mit dem der Anklagende zu rechnen hat, hat er eine gravierende Konsequenz mit sich auszumachen – er liefert seine Schädiger zuletzt der sozialen Ächtung und der Justiz aus, und das ist bei allem, was einem Vater und Mutter antaten, keineswegs leicht vollzogen.
Auch in „Das Fest” muss die Familientragödie sich noch einmal zuspitzen, bevor eines der Opfer sich traut, das lange Verschwiegene aufzudecken. Auf der Feier zum 60. Geburtstag des Vaters Helge Klingenfeld schreckt Christian die traute Festgemeinschaft auf mit seiner Anklage, er selbst und die Zwillingsschwester seien durch den Jubilar als Kinder regelmäßig vergewaltigt worden, ein Vergehen, das die Schwester in den Suizid und ihn zur Verzweiflung getrieben hat, zumal es vielen im familiären Umfeld bewusst war, aber niemand den Mut hatte, etwas zu unternehmen. Was nun nach der verbalen Abrechnung? Wie werden die Verwandten, Gäste, der Vater als nun entlarvter Täter und die Mutter als Mitschuldige reagieren? Wie damit umgehen, wenn das Schweigen durchbrochen, das Vergehen benannt ist?
Vinterbergs Stück hat es in sich. Es lässt dem Zuschauer als Zeugen all der Details dieser Familien-Hölle keine Möglichkeit zum Ausweichen, man ist, wie der Autor, mit einer Vielzahl an Fragen konfrontiert, von denen eine lautet: „Wie behandelt die Gesellschaft einen Sexualstraftäter, der kleine Kinder missbraucht? Die allgemeine Stimmung ist: Bringt sie um, die Sau. (...) Nichts ist verwerflicher als diese Tat; jeder Mörder ist besser angesehen. Der Kinderschänder verkörpert ein absolutes Tabu – [ist] also ein Thema für die Kunst”, eine (auf der Bühne verhandelte) enorme Herausforderung für die Gesellschaft.
Kein Zweifel, dass auch die zu spielenden Figuren in diesem Werk dem Ensemble einiges abverlangen. Für die Rolle des Helge Klingenfeld konnte das Landestheater den renommierten Schauspieler Gustav Peter Wöhler als Gast gewinnen.

Gustav Peter Wöhler
Der Wahlhamburger Gustav Peter Wöhler gehört seit vielen Jahren zu den bekannten Gesichtern auf deutschen Theaterbühnen. Nach seiner Ausbildung in Bochum ging er zunächst an das dortige Schauspielhaus zu Claus Peymann. 1982 wechselte er ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg, wo er 14 Jahre Ensemblemitglied war und u.a. Peter Zadek, Wilfried Minks, Dimiter Gotscheff und Frank Castorf arbeitete. Neben dem Theater arbeitet Gustav Peter Wöhler seit Jahren erfolgreich für Film- und Fernsehproduktionen und tourt seit den 90ern mit seiner Band regelmäßig durch Deutschland. Mit dem Programm SHAKE A LITTLE ist er auch im Landestheater zu Gast.