Kriegerdenkmal Gedenkstein Neuhaus

„Dem Andenken | Der Opfer | Des 2. Weltkrieges“: Der Neuhauser Gedenkstein in der Burgallee

Von Maik Ullmann

Insgesamt 1.022 DM erbrachte eine Spendensammlung in Neuhaus zu Beginn der 1950er Jahre. Exakt 49 Anwohner der insgesamt etwa 320 Bewohner [1] spendeten seinerzeit zwischen drei und 100 DM, um den Gefallenen des Zweiten Weltkrieges und den Vermissten des Dorfes ein Denkmal zu errichten.[2] Um eben jene zu erfassen, waren die Verantwortlichen auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. So formulierte Bürgermeister Karl Schaare [3] in einem undatierten Aufruf an die Bevölkerung: „Wir benötigen […] die genauen Namen, sowie Geburts[-] und Sterbetag und wo gefallen oder vermißt. (auch Dienstgrad nicht vergessen)“.[4] Daraufhin gingen insgesamt 16 Schreiben beim Gemeindevorstand ein. Infolgedessen konnte in der Werkstätte für Grabeskunst im benachbarten Vorsfelde ein Kissenstein in Auftrag gegeben werden, der im Herbst 1953 durch den Bildhauer Martin Voll und die Gemeinde aufgestellt wurde.[5] Dieser fand vor einem Findling liegend seinen Platz. Auf ihm waren neben den Namen auch die Todesdaten der gefallenen Wehrmachtssoldaten aufgeführt. Nicht untypisch für die Zeit,[6] erfolgte das Aufstellen ohne jegliche Einweihungszeremonie seitens der Gemeinde. Die Denkmalssetzung fügt sich damit nahtlos in das Bild ein, das der Historiker Christoph Cornelißen für die junge bundesrepublikanische Erinnerungskultur gezeichnet hat: Zu deren dominierenden Charakteristika zählten vor allem „Bescheidenheit, Zurückhaltung und Schweigen“.[7] So offenbar auch in Neuhaus. Aktuelle Aufnahme des Neuhäuser Kriegerdenkmals; Foto: Andrea FeilFoto: Aktuelle Aufnahme des Neuhäuser Kriegerdenkmals - Andrea Feil
Dies sollte sich auch im November 1989 nicht ändern, als das runderneuerte Denkmal für die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges am 19. November 1989 auf der Neuhäuser Burgallee eingeweiht wurde.[8] Diese Neugestaltung wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt medial rezipiert. Dies ist insofern wenig verwunderlich, als nur wenige Tage zuvor, am 9. November, mit dem Mauerfall der symbolische Startschuss für die deutsch-deutsche Wiedervereinigung gefallen war. Entsprechend berichteten die hiesigen Zeitungen über die mehr als zehntausend DDR-Bürgerinnen und Bürger, die in jenen Tagen an den Wochenenden die neue Freiheit für eine Fahrt nach Wolfsburg nutzten. 
Vorausgegangen war der Umgestaltung eine Ende der 1980er Jahre beginnende Diskussion im Ortsrat, die den ungepflegten Zustand des Denkmals thematisierte. Im Sommer 1988 schließlich befand die Verwaltung eine Reinigung des Denkmals für notwendig und beauftragte dafür die Firma Naturstein Billen KG.[9] Allerdings erzielte die Heizdampfreinigung nicht das gewünschte Ergebnis. Wie ein handschriftlicher Verweis zeigt, sollte die Frage neu diskutiert werden: „Nachdem eine Reinigung der vorhandenen Steine nicht den erwarteten Erfolg gezeigt hat, wird die Verwaltung die Herrichtung des Denkmals erneut prüfen.“[10] Die örtliche Fraktion der Christlich Demokratischen Union (CDU) übernahm dabei die Federführung. Letztlich wurde der Findling zu seiner rechten und linken Seite um einen rot-braunen Gedenkstein aus Granit ergänzt, für deren Aufstellung ein fünfstelliger Betrag investiert wurde. Die durch die Verwaltung vorgeschlagene und in Abstimmung mit dem Kulturausschuss beschlossene Gedenkstein-Innschrift ist allerdings problematisch: „Dem Andenken | Der Opfer | Des 2. Weltkrieges“.[11] Auf die Innschrift folgen, nach Sterbejahren aufgelistet, die Gefallenen des Orts. Hieraus ergibt sich eine für die parteipolitische Programmatik der CDU typische Dialektik: Als Partei für christlich-soziale und konservativ orientierte Nichttäter nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet,[12] nahm die Neuhauser CDU-Fraktion hierbei im Namen der Gefallenen eine posthume „Opferselbstzuschreibung“ vor.[13] Im Kontext des Zweiten Weltkrieges und der Geschichte des Nationalsozialismus umfasst der in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion etablierte Opferbegriff konträr dazu lediglich die Gruppe derer, die vom NS-Regime diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden.[14] Zwar fanden in den frühen 2000er Jahren vermehrt auch deutsche – zivile – Opfer Aufnahme in den Diskurs, doch ging und geht es dabei eben weniger um Wehrmachtssoldaten als um Heimatvertriebene und Opfer des Bombenkrieges.


[1] StadtA WOB, Neu. 4, Vierteljährlicher Nachweis der Bevölkerungsvorgänge vom 1. April 1951.
[2] StadtA WOB, Neu. 22, Ehrenmal für Gefallene, Spendenliste für die Erstellung des Ehrenmals in der Gemeinde Neuhaus. Undatiert.
[3] StadtA WOB, Neu. 1, Gemeinde Neuhaus an das Kommunalaufsichtsamt Helmstedt. Betr.: Rundverfügung Nr 208/52 vom 7. Dezember 1952.
[4] StadtA WOB, Neu. 22, Der Bürgermeister an die Gemeinde Neuhaus. Undatiert.
[5] StadtA WOB, Neu. 22, Martin Voll an die Gemeinde Neuhaus vom 28. Oktober 1953.
[6] Siehe dazu den Artikel Maik Ullmann, „Instrumentalisierung der Gedenkkultur. Wie rechts-konservative Kräfte sich anhand des Vorsfelder Ehrenmals die Trauer zu Nutzen machten“, in: Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte, Jg. 2 (Mai 2017), #005, S. 10f.
[7] Christoph Cornelißen, „Erinnerungskulturen in Stein: Nationaldenkmäler in Demokratien seit der Amerikanischen Revolution“, in: Hans-Joachim Veen/Volkhard Knigge (Hg.), Denkmäler demokratischer Umbrüche nach 1945. Köln/Weimar/Wien 2014, S. 37–60, hier S. 55.
[8] StadtA WOB, HA 10132, Bd. 1, Gesprächsnotiz der Neuhäuser Ortsräte Kowalewski und Flohr und Vertretern der Stadt Wolfsburg vom 2. November 1989.
[9] StadtA WOB, Neu. 22, Naturstein Billen KG an das Hochbauamt der Stadt Wolfsburg vom 29. Juni 1988.
[10] StadtA WOB, Neu. 22, Handschriftlicher Verweis. Undatiert.
[11] StadtA WOB, Neu. 22, Erneuerung des Ehrenmals im Ortsteil Neuhaus, vom 11. Juli 1989.
[12] Petra Hemmelmann, Der Kompass der CDU. Analyse der Grundsatz- und Wahlprogramme von Adenauer bis Merkel. Wiesbaden 2017, S. 144.
[13] Lars Breuer, Kommunikative Erinnerung in Deutschland und Polen. Täter- und Opferbilder in Gesprächen über den Zweiten Weltkrieg. Wiesbaden 2015, S. 171.
[14] Heidrun Kämper, Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des sprachlichen Umbruchs nach 1945. Berlin 2005, S. 18.


Veröffentlicht am 7.11.2018

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